Sommer. Es ist sehr warm. Die Sonne scheint mir auf den Rücken, ich fühle eine leichte Brise, die über meine Haut streicht.
Um mich herum viel Kinderlachen, Schreien, Toben. Sich unterhaltende Erwachsene, über den Boden schrappelnde Stühle, klingelnde Kasse, Besteckklappern, Wasserrauschen.
Meine Tochter und ich sind im Freibad.
Bekleidet mit Badeanzug stehe ich am Geländer des sich im ersten Stock befindlichen Restaurants und schaue den Badegästen zu, die sich unter mir im Wellenbecken tummeln.
Plötzlich sitzt meine Tochter neben mir. Sie ist wieder ungefähr drei Jahre alt. Sie sitzt auf dem Geländer, die Füße baumeln nach unten, sie lehnt sich an mich.
Das Wellenbecken ist nun fast leer, es sind nur wenige Badegäste da, es ist ruhiger geworden. Meine Tochter umarmt mich, strahlt mich an und bittet: “Mami, wirf mich nochmal!”. Sie möchte allen Ernstes, dass ich sie von der Brüstung ins Wasser werfe.
Ich packe das freudig quietschende Kind unter den Achseln, hole aus und schleudere sie über das Geländer Richtung Wasser.
Ich höre sie lachen und sehe dann, wie sich die Flugbahn verändert. Sie wird nicht ins Wasser fallen.
Mit weit aufgerissenen Augen, den Händen an die Wangen gepresst, sehe ich zu, wie sie knapp neben dem Becken mit dem Gesicht zuerst aufschlägt.
Flüchtend und schwer atmend, gehe ich einige Schritte zurück und stehe nun in einem dunklen großen Raum. Dunkler Teppich, keine Fenster. Viele eckige Säulen und ein Treppenaufgang. Ich höre nur mich atmen, die Hände immer noch an den Wangen, immer noch im Badeanzug.
Ich höre jemanden die Stufen hochkommen. Es ist mein Schwiegervater. Er schaut mich an, nickt, hebt den Daumen und geht in seiner langsamen Art mit leicht gebeugtem Rücken in die Dunkelheit. Stille.
Nun spricht jemand mit mir. Die Stimme kommt aus Richtung meines Rückens. “Alles wird wieder gut. Du hast nichts falsch gemacht.”
Ich drehe mich um. An die Wand gelehnt sitzt dort mein Mann auf dem Boden. Ein Bein angewinkelt, eins ausgestreckt, den Kopf in die eine Hand gestützt, die andere liegt reglos seitlich neben ihm.
Er sieht völlig verweint aus. So wie damals als ich sagte “ich komme nicht zurück”. Als er es noch Ernst nahm.
Er streckt die vorher neben ihm liegende Hand nach mir aus, bedeutet mir, sie zu nehmen. Ich gehe zu ihm, nehme seine Hand und knie mich neben ihm. Wir warten.
Ich stehe in einem lindgrünen Krankenzimmer. Blinkende Apparate, weißes Bett, viele Schläuche und Kabel. Und dazwischen meine Tochter. Angeschlossen an diese Apparate. Wieder acht Jahre alt. Sie schläft. Ich nehme ihre kleine kalte Hand und warte.